An(ge)dacht


„Freue dich und sei fröhlich, du Tochter Zion! Denn siehe, ich komme und will bei dir wohnen, spricht der HERR.“
Sacharja 2,14 – Monatsspruch Dezember

 

Ute Waffenschmidt-Leng

Liebe Gemeinde,

es ist die Zeit des beginnenden Wiederaufbaus des Tempels in Jerusalem (um 520 v. Chr.). Die bis dahin in Babylon Gefangenen sind zurückgekehrt und finden Jerusalem zerstört und das Zentrum ihres Glaubens, den Tempel, ebenso. Es ist eine Zeit „armseliger Anfänge“ lesen wir beim Propheten Sacharja (Sach. 4,10). Die Menschen hatten sich das anders vorgestellt, als sie noch in Babylon gefangen waren und die Hoffnung auf ihre Rückkehr gegenseitig wach hielten: „Als der Ewige Zions Geschick wendete, war es, als träumten wir: Da füllte Lachen unseren Mund und Jubel unsere Zunge…“ (Ps. 126,1+2). Hoffnung war und ist absolut nötig, um schlimme Zeiten durchzustehen und zu überstehen. Ebenso nötig ist es, wieder einen Grund zu haben und zu erkennen, sich wieder freuen und fröhlich sein zu können.
Ich weiß – Freude und Fröhlichkeit kann man nicht befehlen. Wenn es dunkel ist in uns, dann können wir mit so einer Aufforderung reichlich wenig anfangen. Sie klingt dann zynisch, gefühllos. Die Aufforderung des Propheten allerdings ist im ‚Spruch Adonajs’, also im Wort, das Gott selbst an die Menschen richtet, mit einem Versprechen verbunden: „Denn siehe, ich komme und will bei dir wohnen.“  
Wir wissen, wir erleben es immer wieder, wie gut es tut, wenn wir nicht allein sind. Nicht allein sein, das bedeutet: ich kann erzählen von dem, was mich umtreibt; ich kann meine Traurigkeiten, meine Hilflosigkeiten, meine Ratlosigkeiten teilen… Ich merke, da ist jemand, der/die hört, mich wahrnimmt… Und schon überm Reden, schon allein dadurch, dass jemand meine Tränen aushält oder meine ungesagten Gedanken versteht, verändert sich alles. Die Angst wird erträglich, manchmal verschwindet sie sogar ganz; ich spüre neue Kräfte; neue Hoffnung breitet sich in mir aus… allein dadurch, dass ich spüre: ich bin nicht allein!
„Ich komme und will bei dir wohnen…“, sagt Gott. Es gibt viele Advents-Geschichten, die davon erzählen, wie Menschen mit dieser Ankündigung Gottes umgegangen sind. Leo Tolstoi erzählt z.B. die Geschichte vom Schuster Martin, der die Stimme Gottes hörte: ‚Heute will ich zu dir kommen.’ Den Tag über, an dem er das morgens hörte, hatte er ganz unterschiedliche Begegnungen: Den Straßenfeger, der den Schnee wegfegte, lud er zu einer Tasse heißen Tee ein. Einer Frau und ihrem Kind, die kaum etwas anzuziehen hatten, gab er von seiner Suppe zu essen. Einen Jungen, der einen Apfel aus dem Korb einer Marktfrau genommen hatte, rettete er vor der Strafe… Am Abend hört Martin dann die Stimme Gottes wieder: ‚Nun, hast du mich erkannt? Ich bin bei dir gewesen.’ Und Martin entdeckt plötzlich, dass Gott ihm begegnet ist in den ‚geringsten Schwestern und Brüdern’, denen er Gutes getan hat.
Es ist, auch wir könnten davon erzählen, erstaunlich, wie gut es uns tut, wie froh es uns macht, wenn wir ‚den geringsten unserer Schwestern und Brüder’, denen wir über den Tag begegnen, Gutes tun; wenn wir uns Zeit nehmen, zuzuhören, ihnen aushelfen, mit dem, was sie gerade brauchen und ihnen Freundlichkeit zuteil werden lassen… Und wir spüren auch, wie sich Hoffnung ausbreitet, wo wir die Unbarmherzigkeiten, Gnadenlosigkeiten und Gleichgültigkeiten unserer Zeit durchbrechen.
Es braucht die Hoffnung, dass Neues und Schönes wieder aufgebaut werden kann… Und die Menschen der Bibel erzählen, dass nach „armseligen Anfängen“ tatsächlich wieder Wunderbares und Schönes entstand. Und sie erzählen, dass Gottes Versprechen ihnen dabei half, die Hoffnung niemals aufzugeben.
„Freue dich und sei fröhlich, du Tochter Zion! Denn siehe, ich komme und will bei dir wohnen, spricht der HERR.“  


Ich wünsche Ihnen eine gesegnete Advents- und Weihnachtszeit und einen guten und gesegneten Übergang ins Neue Jahr.


Ihre
Ute Waffenschmidt-Leng