An(ge)dacht


„Meine Seele dürstet nach Gott, nach dem lebendigen Gott.“ – Psalm 42,3

 

Ute Waffenschmidt-Leng

Liebe Gemeinde,

haben Sie Kontakt zu Ihrer Seele?  Spüren Sie schon mal in sich hinein? Kommt Ihre Seele schon mal zu Wort?
Es gibt gerade – das sagen Studien und das sehen wir, wenn wir mit offenen Augen die Menschen, auch uns selbst, wahrnehmen – viele gebeutelte Seelen. Zu viel, was die Seelen verkraften mussten und müssen:
Corona und jetzt noch ein Krieg, der ganz in der Nähe stattfindet – nicht mehr nur weit weg – und die Frage, wie denn wohl die Erde noch zu retten ist, wenn wir uns nicht schleunigst und mit aller Kraft darum kümmern…   
Die Seelen müde – die vieler Erwachsener und vieler Kinder auch… Auch Ihre?   
In den biblischen Liedern und Gebeten, den Psalmen des Volkes Israel, wird deutlich, dass die Menschen der Bibel immer wieder im Gespräch waren mit ihrer Seele, und dass sie der Seele immer wieder freundlich und gut zugeredet haben. In einer Bilderhandschrift aus dem 9. Jh. findet sich ein wunderschönes Bild zum 42./43. Psalm: Da sitzt die Seele traurig und einsam auf einem Berg. Der Himmel hinter ihr leuchtet in schönen Farben, aber sie ist von ihm getrennt durch ein Meer, durch einen Abgrund in tiefem Violett. Neben ihr steht ein schöner Baum, zu ihren Füßen wunderschöne Blumen, aber sie sieht daran vorbei. Traurig blickt sie in die Ferne und hat ihren Kopf in die Hände gestützt. Grau ist die Seele dargestellt. Wo die Freude und Hoffnung weichen, wo alles ausweglos und schwer scheint, da weichen die Farben. Unerreichbar scheint die Seele…  Am Fuß des Berges steht der Psalmist mit seiner Harfe, in bunten Farben dargestellt. Er möchte die traurige Seele trösten durch sein Spiel, aber: das wird nicht einfach. Es ist nicht einfach, ein Gespräch mit der traurigen, deprimierten Seele zu beginnen. Dabei wäre das so wichtig, so heilsam!
Im 42./43. Psalm scheint das Gespräch zu gelingen – die Seele kommt zu Wort: „Meine Tränen sind meine Speise Tag und Nacht, weil man täglich zu mir sagt: wo ist nun dein Gott?!…“ Die Seele kann sagen, was sie braucht und will: „Schaffe mir Recht… errette mich von den falschen und bösen Leuten… sende dein Licht und deine Wahrheit, dass sie mich leiten!“  
Und im Zwiegespräch gibt es eine Stimme, die ihr freundlich antwortet. Sie sagt immer wieder das gleiche: „Was betrübst du dich, meine Seele, und bist so unruhig in mir – harre auf Gott!“ Es ist keine zurechtweisende, belehrende Stimme! Eine betrübte und verzweifelte Seele braucht keine Belehrung, gegen billigen Trost sperrt sich die Seele. Sie braucht einfühlsame Worte – und die immer wieder… Einfühlsame Worte ermutigen die Seele, zu sagen, was müde macht, was verzweifelt sein lässt. Rede, sprich es aus – vergiss die Scheren im Kopf! Und: wenn alles raus ist – vielleicht spürst du dann auch das andere wieder: „Harre auf Gott – denn ich werde ihm noch danken, dass er meines Angesichts Hilfe und mein Gott ist.“ Harren – das hebräische Wort meint angespannte Erwartung, ein sich Ausstrecken nach der ersehnten Erfüllung. Wer harrt, findet sich nicht ab. Erwarte alles von Gott, der deines Angesichts Hilfe und dein Gott ist. Du wirst Gott ‚IchBINDA’ noch wieder rühmen!
Die gebeutelte und sich sehnende Seele braucht unsere Aufmerksamkeit, braucht Raum und Zeit, zu Wort zu kommen und braucht den sich immer wiederholenden freundlichen Zuspruch, braucht die Erfahrung, dass Gott lebendig und da ist: „Was betrübst du dich, meine Seele, und bist so unruhig in mir? Harre – hoff gespannt auf Gott! Du wirst ihm wieder danken, dass er deines Angesichts Hilfe und dein Gott ist!“
Ich wünsche Ihnen, dass Sie Zeit und Ruhe finden, mit Ihrer Seele ins Gespräch zu kommen – vielleicht im Urlaub, in den Ferien – vielleicht an einem Ort, der Sie ein wenig weg führt vom Alltäglichen. Ich wünsche Ihnen, dass Sie die Lebendigkeit und Hilfe Gottes neu erleben!

In diesem Sinn – gesegnete Zeit! 


Ihre
Ute Waffenschmidt-Leng