An(ge)dacht


„Gott lieben, das ist die allerschönste Weisheit.“ – Sirach 1,10

 

Ute Waffenschmidt-Leng

Liebe Gemeinde,

Gott lieben… Was heißt das, wie geht das,
mögen Sie fragen?  
Nun – vielleicht haben Sie das schon einmal erlebt: nach einer langen Zeit von Überforderung; nach einer langen Zeit, in der Ihr Blick gefangen war in den Schrecken von Katastrophen, persönlichen oder weltweiten; nach einer langen Zeit, in der Ihre Seele nur noch düster und deprimiert gefühlt hat – plötzlich eine Erfahrung purer Schönheit: eine Landschaft, die in unglaublich schönem Licht strahlt; ein knorriger Olivenbaum, dessen besonderes Grün Sie aufsaugen; eine große alte Kiefer, deren Duft Sie genießen; Sonne auf der Haut; ein warmer Wind, der Ihre Haut streichelt; ein Sternenhimmel, der sich über Ihnen ausbreitet; Myriaden von Sternen in der Milchstraße, die Sie ahnen… Und plötzlich wird es wieder weit in Ihnen und Sie spüren, wie Ihre Seele sich labt an der puren Schönheit und spüren, WIE gut das tut: endlich wieder sehen können, wie schön die Welt, die Schöpfung Gottes, ist, wie  wunderbar diese Schönheit, die Sie so lange nicht haben sehen können, weil keine Zeit war oder weil anderes den Blick darauf verstellt hat. Momente, in denen Sie Gott lieben. Gott in der Schönheit dessen, was ER/SIE geschaffen hat. Und es „ist die allerschönste Weisheit“.
Wir erleben das, wo wir den Blickwechsel bewusst suchen oder wo er einfach auf uns zukommt in der puren Schönheit, wo und wie immer sie uns begegnet. Wir erleben das, wo wir uns auf diesen Blickwechsel einlassen, erleben, WIE gut es unseren Körpern und Seelen tut, die pure Schönheit dessen, was Gott geschaffen hat und schafft, zu genießen – und darin Gott zu lieben!
Ja, wir lieben Gott, wo wir die Schönheit der Schöpfung genießen – wo wir uns Zeit nehmen, sie bewusst wahrzunehmen, sie auf uns und in uns wirken lassen, einfach nur so – ohne sie zu verzwecken.  
In einer Welt, in der alles – auch die Schönheit – nur noch unter ausbeuterischen Effizienz- und Profitaspekten betrachtet wird, sehen auch wir oft nur noch mit den Kategorien der Nützlichkeit. Aber Schönheit ist nicht ‚nützlich’ – und wo sie nützlich ist und benutzt wird, ist es keine wirkliche Schönheit mehr. Schönheit ist, weil sie ist.   
Und wir lieben Gott, wo wir uns freuen – einfach nur freuen an dem, was Gott an Schönheit geschaffen hat und täglich schafft. „Die Gottesliebe drückt sich vor allem aus in einer tieferen Liebe zu allem, was lebt, was geschaffen, was schön ist“, sagt D. Sölle.
Und: „Gott lieben, das ist die allerschönste Weisheit.“  
Wo wir Gott lieben, ge- und missbrauchen wir nichts und niemanden zum eigenen Nutzen! Wo wir Gott lieben, freuen wir uns an der Schönheit, die uns selbstverständlich umgibt, jeden Tag, und schätzen sie wert mit unserem Blick und unserer Freude und merken, das „ist die allerschönste Weisheit“!

Vielleicht probieren Sie es aus – auch mitten in Ihrem Alltag.

Ich wünsche Ihnen in diesem Sinne gute Zeit!


Ihre
Ute Waffenschmidt-Leng