An(ge)dacht


„Maria von Magdala kam zu den Jüngern und verkündete ihnen: ‚ich habe den Herrn gesehen’. Und sie berichtete, was
er ihr  gesagt hatte.“ –
Johannes 20,18

 

Ute Waffenschmidt-Leng

Liebe Gemeinde,

was wäre, wenn es Maria von Magdala nicht gegeben hätte, wenn es nur die Jünger gegeben hätte und nicht die Jüngerinnen?!  
Maria Magdalena – eine aus einer ganzen Gruppe von Frauen, die sich Jesus ebenso angeschlossen hatten wie die Fischergruppe aus Kapernaum. Wir kennen nicht alle ihre Namen, einige nur. In den Evangelien sind die Jüngerinnen meist nur als anwesend gedacht und werden nicht explizit erwähnt – eine Folge der andorzentrischen Sprache, die die Männer als Zentrum, Maßstab und Norm aller Dinge voraussetzt, einer Sprache, die nur die Männer benennt und Frauen irgendwie mitmeint. Wenigstens dies wird festgehalten: „Es waren aber dort (unter dem Kreuz) viele Frauen“ (Mk 15,41; Mt. 27,55)  
Wenn die nicht gewesen wären! Die gesamte Jüngergruppe – geflohen, als Jesus verhaftet wurde... Panik, Angst, selbst verhaftet zu werden… Die Frauen aber blieben in seiner Nähe, als er gekreuzigt wurde. Die Frauen überwanden ihre Angst – jedenfalls soweit, dass sie Jesus nicht allein sterben ließen. Die Liebe – stärker als die Angst!  
Die römische Gewalt konnte ihre Liebe nicht besiegen. Sie stehen unter dem Kreuz – und auch nach der Kreuzigung bleiben die Frauen nicht in ihrem Versteck, sondern gehen zum Grab, um Jesus Gutes zu tun – um seinen geschundenen Körper zu salben… die Liebe treibt sie und ist – einmal mehr – stärker als die Angst.   
Was die Frauen dann erleben, können sie zunächst nicht fassen, nicht begreifen. Wenn wir gefangen sind in Traurigkeiten, wenn die Hoffnungen und die Träume, die so sehr beflügelt hatten zu neuem Leben, plötzlich gestorben sind mit dem Menschen, den wir geliebt haben und lieben… wenn wir untröstlich sind – was dringt dann noch zu uns durch? Worte, die von Auferstehung reden?
Maria weint und weint – Tränen der Trauer, Tränen der Enttäuschung, Tränen der Verbundenheit, der Liebe… Weinen können... und dann noch jemandem begegnen, der/die liebevoll und einfühlend fragt: warum weinst du? Jemandem begegnen, der/die wahrnimmt und da ist – das ist leibhaftige Erfahrung der Nähe Gottes! Erfahrung dringt durch. Erfahrung, die aus der Starre löst… Erfahrung, die den Kopf hochhebt… „Maria sieht auf und sieht Jesus stehen – und weiß nicht, dass es Jesus ist…“  Wie sollte sie auch? Das ist nicht im Horizont unserer Vorstellung! Alle Fakten sprechen doch dagegen, dass das Leben siegen könnte und dass die Liebe stärker ist als der Tod! Auf der Ebene der Fakten hat der Tod doch immer die stärkeren Argumente.  
„Wer nur nach Fakten fragt, begreift nichts von Auferstehung. Nur wer mit von Trauer und Sehnsucht geschärften Sinnen danach sucht, nimmt die erlösende und aufweckende Gegenwart Gottes wahr“, schreibt Ingo Baldermann in seinem Buch ‚Ich glaube’.
Wir könnten es eigentlich wissen. Maria Magdalena hat es den Jüngern erzählt. Und die Botschaft ist weitergegangen. Und viele haben in vielen Varianten davon erzählt: von der Auferstehung der Toten. „Du lässt mich erfahren viele und große Angst – und machst mich wieder lebendig und holst mich wieder herauf aus dem Dunkel der Erde! Du richtest mich auf und tröstest mich wieder!“ beschreibt der 71. Psalm Auferstehung. „Den Abend lang währt das Weinen, aber am Morgen ist Freude!“ So formuliert der 30. Psalm Erfahrung von Auferstehung.
„Ich habe den Herrn gesehen!“ gibt das Johannes-Evangelium Marias Worte wieder. Karg sind diese Worte im Vergleich zu dem, was sie erlebt hat:  sie hört die Stimme Jesu, diese warme Stimme, die sie immer so geliebt hat: „Maria“!  So angesprochen, so ihren Namen hörend, erkennt sie plötzlich: Jesus lebt! Er ist nicht bei den Toten! Er ist da und bleibt lebendig. „Ihr werdet mich sehen, denn ich lebe und ihr sollt auch leben!“ so hatte er es ihnen gesagt, als er sie auf den Abschied vorbereitete. Und Maria erfährt es hautnah! Und erfährt, dass sie selbst wieder aufstehen kann, lebendig wird – nach und nach…

„Manchmal stehen wir auf
stehen wir zur Auferstehung auf
mitten am Tage
mit unserem lebendigen Haar
mit unserer atmenden Haut.
Nur das Gewohnte um uns…
Und dennoch leicht
Und dennoch unverwundbar
Geordnet in geheimnisvolle Ordnung
Vorweggenommen in ein Haus aus Licht.“  (Marie-Luise Kaschnitz)

Ich wünsche Ihnen viele Erfahrungen von Auferstehung – mitten am Tage, wünsche Ihnen gesegnete Zeit zu Ostern und darüber hinaus!


Ihre
Ute Waffenschmidt-Leng

   

   

   

   

   

   

   

   

   

   

   

   





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