„Da sie den Stern sahen, wurden sie  hocherfreut.“ Mt 2,10

Liebe Gemeindeglieder,

Ute Waffenschmidt-Lengwenn wir plötzlich wieder sehen, wie wir weitergehen können, um an das Ziel zu kommen, zu dem wir uns auf den Weg gemacht haben… das ist ein wunderbares Gefühl. So haben es die ‚Waisen aus dem Morgenland’, Gelehrte Astronomen aus dem Irak, auch erlebt. Sie hatten sich auf den Weg nach Israel gemacht, nachdem sie einen besonderen, einen neuen Stern am Himmel entdeckt hatten. Für sie ein Hinweis darauf, dass etwas Besonderes in der Welt geschehen war: ein neu geborener König? Sie machen sich auf – wissenschaftliche Neugier? Sehnsucht nach Veränderung in einer Welt, die alles andere als heil war?
Kennen Sie das? Sich auf den Weg machen in der Hoffnung, dass Sie etwas Neues entdecken, etwas, das vielleicht verändern könnte, was ‚unheil’ ist, sich nicht (mehr) richtig anfühlt… Und es gibt Strecken, wenn wir uns auf den Weg machen, da sehen wir die Richtung genau, und dann gibt es auch wieder Abschnitte, da sind wir unsicher und wissen nicht recht weiter… und fragen vielleicht andere – wie die Waisen Herodes fragten nach dem Weg – und geraten dabei nicht nur an Menschen, die uns wirklich helfen wollen, sondern auch an solche, die ihre eigenen Interessen verfolgen…
Das Glück, das die Waisen empfunden haben, als sie dann wieder das Zeichen sahen, auf das sie sich von Anfang an verlassen hatten, können wir nachempfinden… Und wir lesen, dass sie an ihr Ziel kamen, als sie diesem Zeichen folgten… und wir lesen, dass das, was sie fanden, nicht unbedingt ihren ursprünglichen Ideen entsprach: einen neu geborenen König hatten sie erwartet – und hatten erwartet, was sie bis dahin kannten: ein Kind, geboren in einem Palast – umgeben von Prunk und Reichtum und den Insignien der Macht. Was sie fanden: ein Kind, geboren in einen Stall – umgeben von Kargheit und Armut und allen Zeichen der Ohnmacht. Und was sie erleben: das Herz geht ihnen auf… und plötzlich erkennen sie: Neues, wirklich heilsame Veränderung geschieht nicht von denen aus, die ihre vermeintliche Macht vor sich her tragen, die ihre eigenen Interessen verfolgen statt aufmerksam und einfühlsam zu sehen, was Menschen tatsächlich brauchen.
In dem Stall, in den sie der Stern führt, dieses Zeichen von Gott, erleben sie den Anfang veränderter Verhältnisse: klein beginnen sie, unscheinbar… und berühren doch ganz tief im Herzen und wecken – gegen alle Erfahrungen von unheilvollen Machtdemonstrationen – tiefe, vielleicht verschüttete Sehnsucht: Sehnsucht nach einem Leben, in dem nicht die Gewalttätigen sich durchsetzen; Sehnsucht nach Verhältnissen, in denen alle in Würde leben können; Sehnsucht danach, dass die Armen und Erniedrigten gesehen und aufgehoben werden; Sehnsucht, dass die, die hungrig sind – wonach auch immer – satt werden…
Und Sehnsucht zu spüren, ist schon der erste Schritt zu einer heilvollen Veränderung. Und wenn dann noch eine Begegnung stattfindet, die so tief berührt, die eine tiefe Gewissheit ins Herz bringt, dass die Hoffnung nicht vergeblich ist, dann gerät etwas in Bewegung – wie damals, als sich die Kunde von der Geburt Jesu verbreitete…

Ich wünsche Ihnen in der Advents- und Weihnachtszeit solche Erfahrungen tiefer Sehnsucht und Begegnungen, die Ihnen die Hoffnung stärken – auch die Hoffnungen, die Sie mitnehmen auf den Schritten in ein neues Jahr.

Eine gesegnete Zeit wünscht Ihnen

Ihre

Ute Waffenschmidt-Leng