An(ge)dacht


„Tu deinen Mund auf für die Stummen, für das Recht aller Rechtlosen und Armen!“
Sprüche 31,8

 

Ute Waffenschmidt-Leng

Liebe Gemeinde,

in diesen Zeiten wird Rechtlosigkeit und werden die, die arm dran sind, noch einmal in besonderer Weise offenbar! Vielleicht empfinden Sie es auch so, dass diese Corona-Zeit uns den Blick öffnet für Menschen, die unter Bedingungen leben und arbeiten, die nur schwer zu ertragen sind. Und wir merken, wie viele es sind, die gerade stumm leiden, weil das Netz unseres Sozialstaates schon längst nicht mehr so dicht gewebt ist, dass es wirklich auffängt, wenn jemand in Not gerät, dass vielmehr unser neoliberales Wirtschaftssystem, das auch die Gesetzgebung beeinflusst hat und immer wieder beeinflusst, Löcher in dieses Netz hinein gerissen hat, durch die Menschen in Not ins Bodenlose stürzen. Und wo das Netz vielleicht doch greifen könnte, erleben Antragsteller*innen, wie entwürdigend die Verfahren und die Gespräche mit Mitarbeitenden der entsprechenden Bearbeitungsstellen sind.

Und wenn ich mit Pflegenden spreche, was wir regelmäßig in unseren Montagsgebeten tun, dann spüre ich, dass sie und ihre Kolleg*innen mit den Kräften am Ende sind. Wir lesen und sehen immer mehr Berichte darüber, haben es vielleicht selbst auch schon gespürt und erlebt: die Belastungen für die Pflege sind in den letzten Jahren immer größer geworden, weil Träger in diesem Sektor gespart haben, wo sie konnten – die Pflege wird im System der Abrechnungen von Krankenhäusern nach Fallpauschalen (DRGs) nicht extra abgebildet. Wenn man also sparen will, dann kann man es hier am besten. Durch diese Einsparungen ist die Personaldecke immer dünner geworden und die Arbeitsbelastung der einzelnen Pflegenden immer größer. Hinzu kommt die sehr dürftige Bezahlung von Pflegekräften, die absolut nicht ihrer Verantwortung und Leistung entspricht. So ist der Beruf immer unattraktiver geworden und ausgebildete Pflegekräfte mussten aufhören, weil sie schlicht nicht mehr konnten. In den Montagsgebeten und in Gesprächen mit Pflegenden merke ich, dass nur wenige von ihnen den Mund auftun, für sich kämpfen oder gar mal streiken. Es entspricht nicht ihrer Mentalität, für sich selbst einzutreten – sie wollen ja für andere da sein, deshalb sind sie ja Pfleger*in geworden. 
 
Oft ist das so: die, die in Bedingungen leben, die schwer auszuhalten sind, können nicht für sich selbst sprechen. Und wir kennen das ja vielleicht auch. Für sich selbst, für das eigene Recht eintreten… das haben wir nicht gelernt – so wurden wir nicht erzogen, sondern zum Gegenteil. Aber vielleicht können Sie für andere kämpfen und den Mund auftun? Oft geht das leichter.

Der Satz, der uns durch den Monat Mai begleiten soll, ermutigt dazu – ermutigt zu einer Haltung, die in unserer Gesellschaft in Vergessenheit geraten ist, weil das genaue Gegenteil propagiert und gelehrt wird. Nach den Maßstäben neoliberalen Denkens ist es gut und richtig, sich um sich selbst zu kümmern, sich auf sich selbst zu konzentrieren und sich zu optimieren. Da gilt: wenn jede/r für sich sorgt, dann ist doch für alle gesorgt.
Wo solches Denken und Handeln hinführt, sehen wir überdeutlich immer wieder, wenn wir die Augen nicht verschließen.

Die biblische Weisheit lehrt uns anderes: nämlich, den Mund aufzumachen für die, die es selbst nicht können, weil sie es nicht gelernt haben, weil sie sich schämen, für das eigene Recht zu kämpfen, weil sie keine Kraft mehr dazu haben, weil sie schon viel zu oft entwürdigend behandelt wurden...

Es ist die Aufgabe der Kirche, der Gemeinde, jedes / jeder Einzelnen von uns, die wir an den Gott der Liebe und der Gerechtigkeit glauben, das Recht und die Würde aller Menschen einzuklagen, dafür den Mund aufzutun – im ganz normalen Alltag – und auch gegenüber den politisch Verantwortlichen, die die strukturellen Bedingungen schaffen.  
Ich wünsche Ihnen / uns nötigen Mut, nötige Kraft und Zivilcourage dazu.

Ihre
Ute Waffenschmidt-Leng

   

   

   

   

   

   

   

   

   

   

   

   





Diese Webseite nutzt Cookies − auch von Drittanbietern − zur Bereitstellung, Nutzung und Optimierung unserer Dienste. Essentielle Cookies, die technisch notwendig sind, um die Kernfunktionalität der Webseite zu aktivieren und die Webseite zu betreiben, dürfen wir ohne Ihre Einwilligung verwenden. Für den Einsatz aller anderen Cookies bitten wir Sie hiermit um Ihre Einwilligung. Informationen zu den eingesetzten Cookies finden Sie hier unter "mehr". Sie können Ihre Einwilligung jederzeit mit Wirkung für die Zukunft widerrufen oder ändern, indem Sie diese Cookie-Einstellungen erneut über unsere Webseite aufrufen. Verweigern             Akzeptieren