An(ge)dacht


„Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.“
Lukas 6,36 - Jahreslosung 2021

 

Ute Waffenschmidt-Leng

Liebe Gemeinde,

um Barmherzigkeit soll es gehen in diesem Jahr. Die Jahreslosung für 2021 lädt uns ein, uns damit zu beschäftigen: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist“, sagt Jesus nach der Überlieferung des Lukas-Evangeliums
(6,36).

Ja, das ist es, was die Menschen von Gott begreifen, was sie immer wieder erlebt haben. Mose staunt nach der Begegnung mit Gott am Sinai: „…barmherzig und gnädig und geduldig und von großer Gnade und Treue bist DU!“ Das ist Gott: barmherzig. So lobt ihn auch Jesus. Das ist sein Wesen, sagt er: barmherzig zu sein, Erbarmen zu spüren und spüren zu lassen. Von der Barmherzigkeit, vom Erbarmen Gottes erzählen die Menschen der Bibel immer wieder: anfangen können
– nach Verstrickungen und misslungenen Beziehungen, in völlig verqueren Familiengeschichten und durch sie hindurch, nachdem sich Wege als Sackgassen herausgestellt hatten. Neu beginnen zu können, nicht festgelegt zu werden auf das, was nicht gut gelungen ist, auf das, was wir unbewusst oder wissentlich an Fehlern gemacht haben… Es ist die Erfahrung der Barmherzigkeit Gottes.

Es ist eine Erfahrung, die mich manchmal beschämt – aber viel öfter unsagbar glücklich macht und staunen lässt. Das kommt von Gott, sagen die Menschen der Bibel. Es ist Gottes Barmherzigkeit, dass dieses ‚Neuanfangen- können’ immer wieder möglich ist. Der Prophet Jeremia, der völlig am Ende und verzweifelt war nach dem, was er erlebt hatte an frustrierenden Abfuhren und vergeblicher Mühe, der keine Kraft mehr hatte – heute würde man das vermutlich „burnout“ nennen – erlebt, dass ihm plötzlich die Erinnerung an Gottes Barmherzigkeit zurückkehrt: „Ich bin der Mann, der Elend sehen muss…“, klagt er (er ist sehr sensibel) – und in seiner Verzweiflung denkt er, dieses Erleben wäre eine Strafe Gottes. „ER hat meinen Weg vermauert, meinen Pfad zum Irrweg gemacht… Wenn ich schreie, stopft ER sich die Ohren zu… Meine Seele ist aus dem Frieden vertrieben. Ich habe das Gute vergessen…“ Und dann plötzlich eine Wende – nicht wirklich ersichtlich, warum.

„Sieh doch, wie ich so elend bin und verlassen… DU wirst daran denken – meine Seele sagt es mir. …Nicht zu Ende ist doch Adonaj damit, sich freundlich zu erweisen, hat ja nicht aufgehört, sich zu erbarmen, tut‘s aufs Neue Morgen für Morgen!“

Hoffnung kann abhanden kommen, wenn man Schlimmes erlebt. Und dann, nach einer Zeit Gottes Barmherzigkeit, die sie wiederkehren lässt – sagen die Menschen der Bibel.
Erbarmen, Barmherzigkeit – im Hebräischen bedeutet das Wort auch: Mutterschoß, Gebärmutter. Es bezeichnet also den Ort, an dem das Leben wächst, die Höhle, in der sich das Leben beschützt entwickeln kann… Die weiche wächst Leben – nur da. Mit den ‚weichen’ Anteilen in uns, mit unserer Sensibilität, mit unserer Fähigkeit, uns berühren, anrühren zu lassen, haben wir vielleicht manchmal Mühe? Eigentlich wissen wir, wie wertvoll und wichtig diese Anteile in uns sind. Und doch – in einer Welt wie der unseren, ist es nicht immer leicht, diese Fähigkeiten für uns als positiv zu erleben und zu bewerten. Und manchmal kommen diese Anteile auch uns selbst in die Quere, wenn wir funktionieren wollen oder müssen. Manchmal ist es anstrengend, die Mitmenschen in ihren Bedürfnissen wahrzunehmen, sich intensiv wir uns vielleicht danach, einfach mal abschalten zu können. Einfach mal keine Barmherzigkeit, kein Erbarmen! Aber es ist etwas Barmherzigkeit, diese Sensibilität, die in Euch ist.

Was fangen wir nun an mit diesem Zwiespalt? Etwas Göttliches, sagt Jesus: dass ich wahrnehme, was mit anderen Menschen ist, dass es mich berührt, wenn Menschen ungerecht behandelt werden, dass mich berührt, wennich Bilder von geflüchteten Kindern und Erwachsenen sehe… meine Sensibilität, meine Barmherzigkeit!

Und doch auch etwas, was anstrengend ist und in unserer Gesellschaft nicht besonders wertgeschätzt wird – im Gegenteil. Barmherzige bezeichnet, und das klingt nicht gut – es ist Lassen noch positiv konnotiert, geschweige denn Maßstab des Tuns und Lassens? In den Leitbildern kirchlicher Einrichtungen kommt es verbal noch vor – aber die Realitäten, die in werden, orientieren sich dann letztlich doch an den neoliberalen sog. Alternativlosigkeiten.

Und die, die Barmherzigkeit leben wollen, werden auch hier ausgebremst, allein gelassen, zuweilen gemobbt. Die Jahreslosung stärkt alle, denen ihre Fähigkeit, barmherzig manchmal schwer wird oder von anderen schwer gemacht wird. Sie erinnert uns: es sind die Räume der Barmherzigkeit, in denen Leben wächst. Und wie eine Gebärmutter sind diese abgeschottet von allem Gezerre und Geschacher. Und genährt wird das Leben durch die Liebe. In den Räumen der Barmherzigkeit wird nicht ge- und berechnet, hier muss ich nichts leisten, nichts Besonderes sein, um aufrichtig geliebt zu werden. Und es ist das Schönste überhaupt, in einem solchen Raum leben zu können und Leben zu finden.

Was sind das nur für unselige Geister, die uns hindern, einfach nur glücklich und staunend im Raum der Barmherzigkeit zu leben! Und – was sind das für unselige Geister, die uns hindern, die uns einreden, das sei nicht profitabel, nicht ökonomisch und Barmherzigkeit gehöre nicht zu einem professionellen Leitungsstil, und wo kämen wir denn hin, wenn wir Entscheidungen träfen unter der Maxime der Barmherzigkeit?! Ja, wo kämen wir hin, sollten wir die Geister zurück fragen: Dahin, wo das Leben wachsen kann, kämen wir! Dahin, wo das Leben wächst. Eine schöne Perspektive, dahin zu kommen, oder?

Ich wünsche uns für das neue Jahr, dass wir viele Räume der Barmherzigkeit finden und schaffen können – Räume, in denen Leben wachsen kann und wächst.

 

Ihre
Ute Waffenschmidt-Leng

   

   

   

   

   

   

   

   

   

   

   

   





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