HERR, all mein Sehnen liegt offen vor dir, mein Seufzen ist dir nicht verborgen!“ Psalm 38,10 

Liebe Gemeindeglieder,

 

Ute Waffenschmidt-Leng

ein Mensch voller Verzweiflung betet hier. Bis in körperliche Beschwerden hinein wirkt sich die Verzweiflung aus: matt, ganz zerschlagen, kraftlos, krumm und gebückt vor Traurigkeit, unruhig im Herzen… die Erfahrung, dass andere Gutes mit Bösem vergelten, und die Erfahrung von Anfeindungen, weil er /sie sich unbeirrt an das Gute hält… (Ps. 38,7ff. 20f)
Mir fällt ein, was Schwestern und Pfleger in den Montagsgebeten, die jeden Montag in unserer Martini-Kirche stattfinden, erzählen. Sie können und wollen es nicht mehr einfach hinnehmen, dass eine verantwortliche und würdevolle Pflege in Krankenhäusern und Pflegeheimen schon lange nicht mehr möglich ist. Daher schreiben sie z.B. Überlastungsanzeigen, die den Klinikleitungen die Situation deutlich machen und immer wieder in Erinnerung bringen. Sie tun es für die Patient*innen und Pflegebedürftigen. Und? Sie bekommen die Aggression und den Druck von Klinik- und Pflegedienstleitungen zu spüren und manchmal auch die von Kolleg*innen.

Mir fällt ein, was derzeit an vielen Orten mit Menschen geschieht, die sich einsetzen für Flüchtlinge, für Menschen, die gesellschaftlich an den Rand gedrängt sind, die sich einsetzen für die Bewahrung der Schöpfung… sie bekommen Hassmails, sie werden kriminalisiert, sie hören: wie kannst du das nur tun?! Sie stehen Hundertschaften von hochgerüsteten Polizisten gegenüber… Sie erleben, wie Gutes mit Bösem vergolten wird…
Das zu erleben - oder ‚nur’ wahrzunehmen, wie sich unsere Gesellschaft und Verantwortliche in ihr verändern, wie Grundwerte zwar vielleicht noch im Munde oder im sog. Leitbild geführt werden, aber längst nicht mehr dafür gesorgt wird, dass sie auch gelebt und umgesetzt werden – werden können, das ist tatsächlich kaum auszuhalten. Und die Hilflosigkeit und die Verzweiflung, die das auslöst wirken sich manchmal bis in Körperliche Beschwerden hinein aus. Vielleicht kennen Sie das: matt, kraftlos, krumm und gebückt vor Traurigkeit, unruhig im Herzen…
„…da hilft nur noch beten?’ fragt das Motto unserer Montagsgebete. Die Psalmen geben uns Worte zum Beten… „…all mein Sehnen liegt offen vor dir, mein Seufzen ist dir nicht verborgen!“ Ja, das kann stärkend und ermutigend sein: nicht allein zu bleiben mit der Verzweiflung, sie öffentlich zu machen, endlich Sprache dafür zu finden – und an die Hoffnung zu erinnern, sich selbst und andere, dass der HERR, zu dem wir rufen, der ist, dem die ‚Witwen und Waisen und Fremdlinge’, die Kranken und nach Gerechtigkeit Hungernden zutiefst am Herzen liegen. Das erzählen die Menschen der Bibel, immer und immer wieder: dass Gott die Elenden rettet, dass Gott sich auf die Seite derer stellt, denen das Recht vorenthalten und denen ihre Würde genommen wird, und dass Gott die Sehnsucht und das Seufzen derer, die sich einsetzen für das, was dem Leben dient, wahrnimmt und ihnen beisteht und hilft.
Ich wünsche Ihnen, dass Sie das Sehnen und das Hoffen nicht aufgeben in unseren Zeiten. Und dass Sie spüren, dass Gott da ist und hilft.

Ihre

Ute Waffenschmidt-Leng