An(ge)dacht

„Das aber habe ich erkennt: Er lebt, der mich erlöst.“  Hiob 19,25

Liebe Gemeindeglieder,

Ute Waffenschmidt-Leng

was hat Hiob alles erlebt und durchgemacht! Sie kennen seine Geschichte? Und Menschen, die Schlimmes erleben – und die erleben, dass es gar nicht mehr aufhört… gerade kurz aufgeatmet und wieder Hoffnung geschöpft, und dann die nächste schlechte Nachricht…  und man weiß gar nicht mehr, wie man das auch noch verkraften soll…   Manche von Ihnen kennen vielleicht solche Phasen des Lebens, stecken vielleicht gerade mittendrin. Und können Hiobs Verzweiflung verstehen und auch seine Wut denen gegenüber, die ihm mit frommen vermeintlichen Richtigkeiten Erklärungen für sein Leiden präsentieren.  Wahrlich kein Trost und keine Hilfe!  Ganz im Gegenteil. Hiob spürt: es gibt keine Erklärungen im Leid und in der Verzweiflung, die irgendwie trösten oder retten könnten. Auch keine vermeintlich frommen.
Hiob spürt und kann nicht anders: die Verzweiflung muss raus. Und es muss auch raus, dass all das, was fromme Leute sich ausgedacht haben, nicht aufgeht und nicht stimmt. Es hält den Erfahrungen nicht stand, die sind anders.    Und wenn das, was Menschen über Gott in die Welt setzen, den Erfahrungen von Leidenden nicht standhält, dann ist etwas falsch damit.  Das spürt Hiob, dieser fromme Mensch. Was er erlebt, verändert ihn. Es lässt ihn unablässig fragen und mit Gott reden.  Und das ist ein entscheidender Unterschied: die einen reden über  Gott, die anderen mit Gott.
Hiob redet mit Gott. Und dabei erkennt er immer Neues, erkennt auch Gott neu. Erkennt: all die Gedanken über Gottes Allmächtigkeit – sie können nicht stimmen…  Und er redet mit Gott – und redet mit Gott… und erkennt ganz neu, dass das Entscheidende ist, dass Gott da ist.  ‚Ich bin da, für dich, für Euch da!’  Das ist doch der Name Gottes. So stellt er sich selbst vor, als Mose fragt: wer bist du denn, Gott, was soll ich den Leuten sagen?
‚Ich bin da’ – hält diese Erkenntnis den Erfahrungen stand?  Hiob erkennt: das ist das Einzige, was stand hält, das Einzige, was erlösen kann.  Wir ahnen und spüren etwas von diesem ‚Ich bin da’, wo Menschen uns mit Liebe begleiten, bei uns aushalten, wenn wir verzweifelt sind und nicht aus noch ein wissen, uns zuhören, mit uns weinen und uns in die Arme nehmen und die Tränen abwischen…   Und wir wissen, dass dies das Einzige ist, was wirklich trägt in schwerer und verzweifelter Zeit:  dass jemand mit Liebe sagt: Ich bin da! Und dass wir das auch tatsächlich spüren können. Solche Erfahrungen der Liebe, der Nähe, des Geborgenseins, trotz allem, sind Zeichen und Erfahrungen von rettender Erlösung.  „Das aber habe ich erkannt:  Er lebt, der mich erlöst!“

Ich wünsche Ihnen solche Erfahrungen!

Ihre

Ute Waffenschmidt-Leng