Suche Frieden und jage ihm nach!“ Psalm 34,15

Liebe Gemeindeglieder,

Ute Waffenschmidt-Leng

die Jahreslosung für das Jahr 2019… Was fällt Ihnen ein, wenn Sie diesen Rat hören? Vielleicht Situationen, in denen Sie nicht gerade friedfertig waren? Vielleicht ein Mensch, mit dem es schwierig ist, Frieden zu halten, in Frieden auszukommen? Vielleicht sich immer wiederholende Konflikte, für die Sie keine Lösung finden – immer wieder die gleiche Falle – immer wieder die gleichen Vorwürfe, immer wieder die gleichen aggressiven Dialoge oder das aggressive eisige Schweigen? Oder vielleicht die vielen unsäglichen Kriege und Konflikte in dieser Welt und die ganze Hilflosigkeit und Traurigkeit darüber, dass viele der Mächtigen nicht wirklich Frieden suchen, sondern das, was ihnen am meisten Profit, den größten Einfluss oder die größte sog. Popularität bringt?
Suche Frieden… das hebräische Wort, das hier steht, heißt Schalom. Und Schalom meint viel mehr als die Abwesenheit von Krieg. Schalom meint ein umfassendes Wohlergehen. Die Wurzel dieses Wortes bedeutet ‚genug haben’. Schalom, das ist also ein Zustand, in dem Menschen genug haben, in allem genug.
Das können wir uns schon vorstellen, dass das Frieden ist, wenn sich Menschen nicht mehr sorgen müssen um bezahlbaren Wohnraum… dass das Frieden ist, wenn Menschen nicht mehr fliehen müssen, sondern in ihrer Heimat genug zum Leben haben und sicher sind vor Gewalt und Ausbeutung… dass das Frieden wäre, wenn denen, die sich auf den Weg machen in ein besseres Leben, das Recht darauf nicht vorenthalten würde…
Frieden – ein Zustand, in dem alle genug haben, in dem ihnen Genüge geschieht, in dem sie Genug-tuung erfahren und vergnügt sein können.
Frieden hängt also eng mit Gerechtigkeit zusammen. Und wenn Frieden sein oder werden soll, dann können wir nicht ‚um des lieben Friedens willen’ schweigen, wo Menschen nicht genug haben und bekommen: nicht genug zum Leben, nicht genug Liebe, nicht genug Wertschätzung, nicht genug…
Wenn es Frieden geben soll, wenn jede/r genug haben soll, dann sind wir unweigerlich im Konflikt mit denen, die daran kein Interesse haben.
Suche Frieden, jage ihm nach… wozu wir ermutigt werden, ist zuweilen also anstrengend, kann durchaus auch zu Konflikten führen, die ausgetragen werden müssen. Aber, so sagt der Psalm, „Wenn du gutes Leben haben willst, wenn du Lust haben willst am Leben und deine Tage lieben und Gutes sehen willst, dann… suche Frieden und jage ihm nach!“
Anstrengend – aber, wie wir hören, absolut erstrebenswert!
In einer Auslegung zur Jahreslosung las ich von einem Experiment, das man mit Schüler*innen gemacht hat. Auf einem geteilten Blatt Papier sollten sie auf die eine Seite Bilder vom Krieg malen und auf die andere Bilder vom Frieden. Das Ergebnis: Die Kriegsseite war voller Bilder, da gab es Action. Die Friedensseite war nicht selten leer. Zum Frieden fiel den Kindern wenig ein – ein paar Symbole, eine Taube, das Friedenszeichen… sonst nichts.
Wie würde es Ihnen gehen mit dieser Aufgabe?
Es ist spannend zu sehen, dass in der hebräischen Bibel immer wieder Bilder vom Frieden gemalt werden: Schwerter werden zu Pflugscharen; Menschen jubeln, weil ihnen das Joch, das sie bedrückt hat, von der Schulter genommen wird; Wölfe wohnen bei den Lämmern; ein kleiner Junge hütet Kälber und junge Löwen gemeinsam; jede/r sitzt unter dem eigenen Weinstock und Feigenbaum…
Bilder vom Frieden, die Bibel ist voll davon.
Und die Frauen von ‚women wage peace’, einer Initiative für Frieden, die Palästinenserinnen und Israelinnen vor einigen Jahren ins Leben riefen, sagen: „Wir suchen nach Dingen, die wir gemeinsam haben. Und eine grundlegende Sache, die jede Frau möchte, ist: eine sichere Zukunft für sich und ihre Kinder!“ Wir brauchen, denke ich, solche und ähnliche Bilder und Visionen vom Frieden, Visionen, die uns locken, Frieden zu suchen und ihm nachzujagen…

Ich wünsche Ihnen ein gutes und gesegnetes neues Jahr!

Ihre

Ute Waffenschmidt-Leng