An(ge)dacht

Dient einander als gute Verwalter der vielfältigen Gnade Gottes, jeder mit der Gabe, die er empfangen hat!“ 1. Petrus 4,10

Liebe Gemeindeglieder,

Ute Waffenschmidt-Leng

als ich den Monatsspruch für den Monat Mai las, da fiel mir sofort das Wort Jesu ein: „Wer unter euch groß sein will, der sei euer Diener!“ Schon damals hat, was Jesus sagte, die alltäglichen Realitäten hinterfragt. Wer groß war, ließ sich dienen. Wer heute groß ist, lässt sich dienen. Und es ist ganz klar und offensichtlich: ‚Dienende’ sind nicht die Großen in unserer Gesellschaft. Sie werden nicht besonders wert geschätzt – zumindest wurden sie es bis vor kurzem nicht – weder hatten sie ein besonders Ansehen in unserer Gesellschaft, noch wurde und wird, was sie tun und leisten, auch nur halbwegs angemessen bezahlt. Und Bezahlung hat in unserer Gesellschaft, wenn wir genau hinsehen, ja mehr mit Ansehen zu tun, als mit der wirklichen Leistung oder Verantwortung. Also – das Dienen führt in unserer gesellschaftlichen Wirklichkeit meist weder zu Ansehen noch zu anerkannter Größe.

Jesus bewertet das ‚Einander Dienen’ anders. Er weiß offenbar, wie wichtig es für das Wohlergehen einer Gemeinschaft und jedes / jeder einzelnen ist, dass wir im guten Sinn aufmerksam sind füreinander, dass wir füreinander da sind, einander unterstützen, Gutes tun… einander dienen eben.

Und dazu, so der Satz für den Monat Mai, sollen wir unsere jeweiligen Gaben nutzen, also zum Wohl der anderen das einbringen, was gerade wir gut können, was wir haben – auch an Privilegien!

Dient einander – was heißt das gerade in diesen Zeiten?
Ich denke, es heißt z. B. aufmerksam zu sein für die, die gerade in großer Isolation leben: wo, womit, wie kann ich Menschen in meiner Umgebung dieses Ausnahme-Leben erleichtern? Kann ich einkaufen gehen für sie? Wie kann ich Kontakt halten, wo und wie kann ich teilen: Zeit, Geld… wo mit dem Blick der Liebe entdecken, wo Hilfe und Unterstützung von außen nötig sind, und für diese sorgen… ?

Es heißt sicher auch, aufmerksam zu bleiben für das, was außerhalb unseres derzeit so eingeschränkten Horizontes passiert, und - vielleicht per Petition oder anderen Möglichkeiten der Meinungsäußerung - dafür sorgen, dass die Angst uns nicht entsolidarisiert - in Europa und global, dass die Angst uns nicht egoistisch und ignorant macht gegenüber denen, die aus großer Not geflohen sind.

Es heißt sicher auch, aufmerksam zu bleiben für das, was gerade ‚nicht normal’ ist – und dafür zu sorgen, dass es nicht zur ‚Normalität’ (gemacht) wird, damit nicht Gewöhnungsprozesse entstehen, die tödlich sind für die Demokratie, für die Bildung, für Menschen, die in Pflegeeinrichtungen und Krankenhäusern sind, für die, die gerade - noch mehr als sonst schon - gesellschaftlich abgehängt werden, weil sie nicht die finanziellen und technischen Voraussetzungen haben, um den enormen Digitalisierungsschub mitmachen zu können (dazu gehören auch die Kinder, die keinen Laptop… zur Verfügung haben, an dem sie die digitale Beschulung verfolgen und nachvollziehen können).

Und es bedeutet sicher auch, aufmerksam zu sein für die, die nicht wissen, wie sie ihren täglichen Überlebensbedarf finanzieren sollen, für die, die erleben, dass die Inanspruchnahme von Hilfsangeboten viel zu kompliziert und zu komplex ist, um hilfreich zu sein…

Dient einander… Es gibt viele Möglichkeiten dazu, wenn wir erst einmal auf die Spur kommen und den Blick von uns auf andere richten. Nicht jede/r soll dabei alles machen, sagt der biblische Text, und ermutigt uns, das, was wir gut können, das, was wir an Privilegien haben, einzubringen und zu teilen, damit es allen, auch in schwieriger Zeit, wohl ergeht.

Ich wünsche Ihnen, dass Sie erfahren, wie gut es tut, ‚dienend’ zu leben, und die Zuwendung anderer, die ‚dienend’ leben, zu spüren.

Ihre

Ute Waffenschmidt-Leng